Kölnische Rundschau  Montag, 29. Juni 2009

Lauschen bis zum Morgen

Entrückte Stimmung bei der „Romanischen Nacht“ in Köln

Von Hanna Styrie

Köln. Romanische Nächte sind lang. Manch ein Besucher hatte sich für den vielstündigen Konzertmarathon, der sich bis in die frühen Morgenstunden ausdehnt, vorsorglich mit prallgefülltem Rucksack und Isomatte ausgerüstet. Die tat schon gute Dienste bei den „Lamentationen“, mit denen das fantastische Huelgas Ensemble in der golden ausgeleuchteten Ostkonche die 900 Besucher in der Kirche St. Maria im Kapitol nach und nach in eine wundersam entrückte Stimmung versetzte. Schier atemberaubend ist die Gesangskunst der zwölfköpfigen Formation aus Belgien, die unter der Leitung von Paul van Nevel mit perfekter Intonation und einem unübertrefflichen Klang prunkte. Dazu kommt die Gefühlstiefe, die die Vokalisten etwa bei den Lamentationen von Mabrianus de Orto an den Tag legten. Mit weit über anderthalbstündiger Dauer fiel dieser Programmpunkt allerdings deutlich zu lang aus. Da hielt es längst nicht alle Zuhörer auf den Plätzen, und das bei der „Romanischen Nacht“ übliche Wandern durch den mächtigen Kirchenraum begann unerwartet früh. „Nachtgesänge“ lautete das diesjährige Thema; dabei bekam man im Verlauf von fünf Konzerten Stücke verschiedenster Epochen, Stile und Besetzungen zu hören. Selten aufgeführt wird Othmar Schoecks fünfsätziges Notturno op. 47 für Bariton und Streichquartett, das er 1931 bis 1933 auf Gedichte von Nikolaus Lenau und Gottfried Keller schrieb. Das junge Minguet Quartett und Bariton Thomas Bauer versenkten sich vor dem Lettner mit großer Empfindsamkeit in das emotionale Werk, das auf der gesteigerten Expressivität der Spätromantik basiert. Melancholie prägt die Lieder, die von Tod, Einsamkeit und Verlust erzählen. Thomas Bauer gestaltete sie anrührend und unpathetisch; die Streicher boten unter Ulrich Isforts versierter Leitung eine bildkräftige, emotionale Interpretation.

Als Andreas Staier am Cembalo Platz nahm, kehrten auch die in die Kirche zurück, die bei einem Glas Wein im Kreuzgang pausiert hatten. Staier hatte Bachs berühmte „Goldberg-Variationen“ auf dem Pult liegen, die hier eine denkwürdige, ausgereifte Darstellung erfuhren. Staier vermittelte in seiner Interpretation Struktur und Satzkunst ebenso wie Emotionalität und Wärme dieses großartigen Werks. Mitternacht war schon vorüber, als der Kammerchor Consono unter Harald Jers deutsche a-capella-Chormusik erklingen ließ. Auf unermüdliche Musikfreunde wartete mit Mendelssohn-Bartholdys schmerzerfülltem f-moll-Streichquartett op. 80 ein weiterer Höhepunkt. Und während draußen allmählich der Tag nahte, griffen Norbert Rodenkirchen und Albrecht Maurer letztmalig zu Traversflöte und Fidel, um Mittelalterliches und Modernes musikalisch in Einklang zu bringen.

 

 

Kölner Stadtanzeiger   Dienstag, 30. Juni 2009

Musik eines Jahrtausends, still und unbequem zu hören

Bei der Kölner Romanischen Nacht dominierten Klänge der Klage und des Schmerzes

Von Marianne Kierspel

 

Die Romanische Nacht in der Kölner Kirche St. Maria im Kapitol verlief ungewohnt streng. Zwar bot sie unter dem Titel „NachtGesänge“ wieder Musik eines Jahrtausends, von der Gregorianik bis heute. Doch dominierten Klage und Trauer. Nur Pfarrer Matthias Schneggs Predigt sprach die Nacht als „Schmelztiegel des Lebens“ an, auch als Zeit für die Liebe und Lust. Doch die Musik bevorzugte Askese, zuerst in einem mirakulösen „Dies irae“ von Jacobus de Kerle und in Klageliedern des Jermias. Die Texte sind drastisch, die Sequenz aus der Totenmesse und die Klagen über den zerstörten Jerusalemer Tempel. Seltsam abgehoben wirkten die ausgewählten Renaissance-Vertonungen, teils über gregorianische Melodien. Zumal Paul van Nevels international besetztes Huelgas Ensemble die Gebete wunderbar sublimiert sang, als Musik ohne Erdenrest. Halrald Jers’ Kammerchor Consono präsentierte spätromantische Fundstücke, dazu Mahlers bekanntes Rückertlied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, jetzt in einer kniffligen A-capella-Version. Die nach schmerzlichen Verlusten entstandenen Streichquartette von Mendelssohn und Ruzicka interpretierte das Kölner Minguet Quartett als Psychogramme. Es setzte mit dem Bariton Thomas Bauer auch herbe Akzente in Othmar Schoecks „Notturno“ von 1933. So bot das diesjährige Sieben-Stunden-Programm gleich mehrere umfangreiche Musiken, von den Karfreitags-Gesängen bis zu Bachs Goldberg-Variationen. Das Zuhören verlangte also hohe Konzentration, gerade auch der Klavierzyklus, den der Cembalist Andreas Staier mit Ruhe als Kunstbuch auslotete. Da wollten Bach-Fans keinen Ton verpassen. So saß man still, wie in einem Normkonzert, aber unbequemer. Diese Disziplin mochte zwar dem WDR die Live-Übertragung erleichtern. Doch Stammgäste vermissten den eigenen Reiz der Kölner Spezialität, nämlich die Chance, aus der Fülle auszuwählen und die romanische Architektur samt Büffet im Kreuzgang zu erkunden. Man vermisste auch mutige Querbezüge, etwa zum Jazz. Und Neue Musik erklang erst nach Mitternacht, Improvisation nur im Vor- und Nachspann. Da spielten Norbert Rodenkirchen und Albrecht Maurer auf alten Instrumenten spontan mit Lied- und Tanzsplittern eines imaginären Mittelalters.