Wenn mit schwindendem Licht der Gesichtssinn seine Dominanz verliert, die Farben verblassen und der verebbende Tageslärm das schutzlose Organ aus seinen Klammern entlässt… dann gehen dem Menschen die Ohren auf. Er hört – um sich und in sich hinein.
Bei einbrechender Nacht oder im mystischen Halbdunkel sakraler Räume wird seit jeher gesungen und gespielt. Musik zu später Stunde entspringt alten Urbedürfnissen. Sie dient der Abwehr nächtlicher Schreckgespinste oder zu hymnischer Feier und Erweckung einer anderen Seite von Spiritualität und Vernunft. Nicht erst die Romantikerhörten mit feinem Gespür auf die geheimnisvollenMächte des Mondlichts, das in nächtlich erhellten Seelen tagsüber verdunkelte Stimmen erblühen lässt: Erinnerungen, Gefühle, Triebe, Wunden, Sehnsüchte, Träume...
Die diesjährige Romanische Nacht verwandelt die prächtige Basilika St. Maria im Kapitol zu einem Ort des Lauschens auf „NachtGesänge“ aus tausend Jahren.Während des langen Konzertreigens vom Abend bis in die dunkelsten Nachtstunden erklingen Stücke verschiedenster Epochen, Stile und Besetzungen. Sie wurden aus je anderen Regungen zu verschiedenen Zeiten von unterschiedlichen Musikern gesungen und werden mit fortschreitender Nacht auch beim Hörer jeweils andere Saiten zum Klingen bringen.
Anfang und Ende markieren die intuitiven Zeitreisen „media nocte“ zwischen Mittelalter und experimenteller Gegenwart der beiden Kölner Musiker Albrecht Maurer und Norbert Rodenkirchen. Sie umrahmen eindringliche Klage-, Buß-, Bitt- und Passionsgesänge der Renaissance für die Nachtwachen der Karwoche, Johann Sebastian Bachs dreißig ebenso expressive wie konstruktive und virtuose „Goldbergvariationen“ über eine Aria, Othmar Schoecks von herbstlicher Melancholie umwölktes „Notturno“, inbrünstige Psalmvertonungen und Abendlieder deutscher Spät- und Spätestromantiker, Felix Mendelssohn-Bartholdys insgeheime Totenklage seines f-Moll-Streichquartetts, einen glutvoll-resignativen Liebes- und Weltabschiedsgesang von Gustav Mahler und schließlich Peter Ruzickas vorsichtig nach Worten tastende Beschwörung von etwas Verschwundenem… bis den nocturnen Kreis eine zweite nachmitternächtliche Séance „media nocte“ beschließt.
Rainer Nonnenmann
