Kölner Stadtanzeiger, 3.7.2006
„Dich allzeit preisen – hier und dort“, König Fußball, der du momentan die Welt regierst und dessen unergründlicher Höhenflug den Himmel lenkt, so dass selbst die „Romanische Nacht“ in Köln nicht vor geendigtem Elfmeterschießen in Berlin über St. Maria im Kapitol in Köln anbrechen durfte. Wie doppelt erhebend klang da der Introitus durch Roland Wilsons Musica Fiata, die zu den feierlichen Posaunen-, Zink- und Pommertönen vor dem prächtigen Renaissance-Lettner aufmarschierte.
Vis-à-vis war vor den in künstliches Abendrot getauchten Maßwerkschranken das ägyptische Madih-Ensemble platziert und wechselte sich mit dem Kölner Barockspezialisten ab. Fikri El-Qinawi brauchte nur seine einsamen, auf einer archaischen Geige unterstrichenen Anrufungen anzustimmen und das WM-Turniergeschrei entblößte seine hohle Nichtigkeit. Hier galt es, den Herrn zu preisen im Orient wie im Okzident, mit Stimmen der Christenheit gleichwie der Mystik des Islam. Die Abgeschiedenheit dieser nahöstlichen Kontemplationsmusik führte so weit weg vom aktuellen Geschehen, dass unsere ganz Weltmeisterschaftsaufgeblasenheit wie ein schlapper Luftballon im Raum hing.
Dergleichen heilsame Korrekturen eines verspielten Weltbilds waren aber nicht allein der Sufi-Musik vorbehalten. Im Pfarrgarten herrschte italienisches Flair und gastronomische Betriebsamkeit. Besucher lagerten auf Decken im Gras oder nahmen die Bierzeltgarnituren in Beschlag. Im hintersten Winkel einer der Arkadengänge lief auf einer Leinwand stumm das Spiel Italien gegen die Ukraine – untermalt von Bachs „Musikalischem Opfer“, mit welchem Markus Möllenbeck (Cello), Anton Steck (Violine), Michael Schmidt-Casdorff (Flöte) und Christian Rieger (Cembalo) eben zugange waren. Zwei Lautsprecher übertrugen das musikalische Geschehen nach draußen und so zog Bachs kontrapunktische Künste denen Zambrottas oder Luca Tonis in Zeitlupe den Boden unter den Füßen weg. Die Schaflosen dieser Romanischen Nacht erlebten eine großartige Interpretation auf dem Cembalo.
Von den beiden Uraufführungen beeindruckte Caspar Johannes Walters „Schattenrufe“ aus dem Reich Ockeghems und der schizophrenen Künstlerin Emma Hauck. Behutsame Adaptionen entrückter geistlicher Musik der Frührenaissance für sechs Stimmen, Altflöte, Klarinette und Horn rieben sich in intensiver Umsetzung durch das „ensemble aisthesis“ und vier exzellente Instrumentalisten unter der Leitung Walter Nussbaums an den beklemmend artikulierten Identitätskrisen eines unrettbaren Ichs. Dies war auch ein Sinnbild auch für die oft tragische Orientierungslosigkeit zeitgenössischer Musik.
Rupert Huber dagegen vergesellschaftete Brahms willkürlich mit Sufi, intonierte mit dem WDR-Rundfunkchor – überwiegend sauber – sechs Motetten des Meisters, ehe er seine Vertonung von Mewlana Rumis Rosengedicht in der Übersetzung Friedrich Rückerts aus der Taufe hob. Fünfstimmiger Chor, Schalenglocken und strukturierende Improvisationsabschnitte des Madih-Ensembles schufen eine Atmosphäre, die zum leisen Umherwandeln in der Kirche einlud. Sie verlieh Grabmälern, Madonnen und sonstigmn reglosen Personal im späten Zwielicht seltsam fremde, leicht gespenstische Züge.
Am Ende stand man abermals im Bann zweier elementarer Erfahrungen: Der ausgezeichneten Akustik und kraftvollen Aura des Kircheraums von St. Maria im Kapitol und der unausbleichlichen Erkenntnis: Romanische Nächte sind lang.
Peter Reichelt
