Pressestimmen zum Romanischen Sommer 2005

Eine Sprache für alle gefunden

Kölnische Rundschau, 7.7.2005

"Der Turm zu Babel": Mauricio Kagels faszinierender Klangzyklus
"Auf, steigen wir hinab, und verwirren wir dort ihre Sprache, so dass keiner mehr die Sprache des anderen versteht." So soll Gott dem Buch Genesis zufolge zu sich selbst geredet haben, als er den Turmbau zu Babel beobachtete. Um die drohende Allmacht der Menschen zu verhindern, beendete er ihre Sprachgemeinschaft und zerstreutet sie über den ganzen Erdball. Der Turm blieb bekanntlich bis heute unvollendet.

Dass Sprachvielfalt aber nicht nur Strafe ist, bewiesen die Akteure des Konzertabends "Der Turm zu Babel - Gesänge der Welt", der am Dienstag im Rahmen des Romanischen Sommers in St. Gereon stattfand. Auf dem Programm standen Vokalwerke in unterschiedlichen Besetzungen, wobei Meisterwerken aus Mittelalter und Renaissance eine Fülle zeitgenössischer Stücke gegenüberstand. Im Mittelpunkt: Mauricio Kagels "Der Turm zu Babel", ein Zyklus aus 18 Sologesängen ohne Begleitung, der die biblische Erzählung vom Turmbau vertont - in 18 verschiedenen Sprachen, von Polnisch bis Esperanto. Für St. Gereon wählten die "Neuen Vocalsolisten Stuttgart" zwölf Nummern aus, die von der Kuppel des Dekagons herab klangen. Dabei deckte das Ensemble die gesamte Bandbreite menschlicher Sprache und Stimme ab: Kühne Kapriolen in exotischer Countertenor-Lage auf Hebräisch, humoristischer Buffo-Tonfall auf Italienisch, Zischen und Stöhnen. Die erhöhte Position der Sänger lenkte die Blicke des Publikums dabei nach oben - direkt zum Mittelpunkt der Kuppel. Denn hier ist der Heilige Geist dargestellt, wie er in der Gestalt goldener Feuerzungen auf die Gemeinde niedergeht: Das Pfingstwunder, das Gottes Strafe rückgängig macht und die Kakophonie der Sprachen beendet.

In diesem Sinn also behielten Atonalität und Sprachenwirrwarr an diesem Abend nicht das letzte Wort; sie wurde eingerahmt vom streng harmonischen Satz Alter Musik. Die in Köln ansässige Josquin Capella, ein achtköpfiges Vokalensemble, präsentierte Vertonungen lyrischer Texte aus der Bibel, sogenannte "Cantica", von Meistern wie Tromboncino (gest. 1534) und Perotin (gest. 1238). Aus einer stimmungsvoll beleuchteten Nische im Dekagon stieg diese reine Musik mit atemberaubend klarer Intonation über den vollbesetzten Kirchenbänken auf und stellte mit der universalen Sprache Latein die Harmonie wieder her. Gesänge der Welt - die Einheit in der Vielfalt.
Lucas Wiegelmann

Eintauchen in den hörbaren Raum

Kölnische Rundschau 6.7.2005

"zeit vergeht...": Wolfgang Mitterers verblüffende Klanginstallation
Draußen quält sich der Feierabendverkehr durch die Straßen. Alltagslärm dringt durch die dicken Kirchenmauern. Irgendwo spielen Kinder. Plötzlich schwellen die Geräusche bedrohlich an, scheinen nun aus dem Inneren der Kirche selbst zu kommen - bis sie mit einem Mal verstummen und nichts mehr zu hören ist außer einem leise schwebenden Orgelton.

Hat man sich getäuscht? Wolfgang Mitterer, Organist und Komponist, liebt es, die Zuhörer hinters Licht zu führen. "Musik klingt nur gut, wenn man darin sucht" sagt er und denkt dabei auch an seine Klanginstallation "zeit vergeht IV" für Orgel und elektronische Klänge - ein Beitrag zum Romanischen Sommer, der noch bis Freitag täglich von 12.03 bis 18.00 Uhr in St. Aposteln zu erleben ist. Es handelt sich um eine computergesteuerte Klang-Collage aus alltäglichen Geräuschen (Autolärm, Vogelgezwitscher, Kirchengesang), elektronisch erzeugtem Synthesizer-Geflimmer und Orgeltönen.

Das alles karamellisiert Mitterer zu einer einzigen meditativen Klangmasse, die den Unterschied von realen Nebengeräuschen und künstlichem Klang aufhebt. Der Komponist eröffnete seine Installation mit einem eigenen Orgelwerk: "mixture 5". Flankiert von den überlebensgroßen Apostelfürsten Petrus uns Paulus betätigt er die Pedale mit Sportsandalen, neben den vier Manualen stehen ein Keyboard und ein Laptop. Mitterer mischt seine derben Orgelcluster mit elektrischem Wummern und Stampfen, während unter seinen Händen die Grenzen zwischen Orgel und Elektronik zerfließen. Schon wieder entsteht der Eindruck von Grauzone und Zwielicht - Mitterer spricht von "Schnittflächen" zwischen Hörerwartung und Ungehörtem.

Als die Musik sich beruhigt und einzelne Besucher sich nach der Orgel umsehen, hat Mitterer seine Bank längst verlassen. Sein "Introitus" hat sich selbst beim Wort genommen und ist unmerklich in die Installation übergegangen. Die sphärischen Klänge kommen von überall her: Acht Lautsprecher, die vom Computer gesteuert werden, sind unsichtbar in der gesamten Kirche verteilt. Die potenzierte Stereo-Wirkung lenkt die Aufmerksamkeit auf den Raum: Das vollkommene Ebenmaß der mittelalterlichen Architektur wird deutlich durch die leisen Töne, die in jede Ecke dringen, reflektiert werden und, als wohlklingendes Echolot, die Oberfläche der gesamten Kirche spürbar machen. Hörbarer Raum - auch so eine von Mitterers paradoxen "Schnittflächen".
Lucas Wiegelmann

Rhythmische Büroklammern

Kölnische Rundschau 6.7.2005        

BrückenMusik bietet ungewöhnliche Konzerterlebnisse
Der Innenraum der Deutzer Brücke, ein grauer, fensterloser Betonschlauch von 430 Metern Länge und neun Metern Breite, ist ein Un-Ort, der Künstler und Musiker gerade wegen seiner Unwirtlichkeit zu vielerlei Experimenten herausfordert.

Auch diesmal ist der Hohlkörper Station beim "Romanischen Sommer" und bildet als "weltliche Kathedrale" einen prägnanten Kontrast zu der romanischen Baukunst. Jens Brand und Hans W. Koch haben Peter Behrendsen, den Erfinder der "BrückenMusik", als Kuratoren abgelöst. Ihre Idee war es, erstmalig das Treppenhaus mit Kunst zu bespielen. Eva Maria Kollischan hat dafür eine sublime Inszenierung aus fragmenthaften Schaufenster-Dekorationen geschaffen, die sich indes erst beim genauen Hinsehen erschließt. Weit spektakulärer gibt sich da Tarlo-Bedaux' Raum-Klang-Installation aus raschelnder Alu-Folie.

Ein breiter Gang führt die Besucher hindurch, die bereits bei der Eröffnung lustvoll die klanglichen Qualitäten der Folie erkundeten, deren silbriger Glanz dem grauen Betonkörper gar einen glamourösen Anstrich verleiht. Ganz nach Belieben kann man hier den Verkehrsgeräuschen selbst erzeugte Klänge hinzufügen - durch Knittern, Entlangstreifen und andere Berührungen. Ein vergleichbares Prinzip liegt der Arbeit des Isländers Hlynur Hallsson zugrunde, der den Raum in ein Fußballfeld verwandelt hat, das bei der Eröffnung von einer Mannschaft bespielt wurde. Die Pfiffe des Schiedsrichters, die Rufe und das Getrappel der Spieler mischten sich dabei auf irritierende Weise mit dem Autolärm, der als dauerhafte Kulisse vorhanden ist. Besucher sind ausdrücklich eingeladen, das Feld zu benutzen; ein Ball ist vorhanden.

Visuell und akustisch gleichermaßen attraktiv ist Pierre Bastiens "no-man-orchestra". Der Franzose hat den langen Korridor an einer Seite mit beleuchteten Ventilatoren bestückt, die schmale Papierbahnen in flatternde Bewegung versetzen. Ein zartes Geräusch wird auf diese Weise erzeugt. Auf der gegenüber liegenden Seite schlagen mit Büroklammern bestückte Papierstreifen instabile Rhythmen auf Trommelfelle, dazu kommt das leise Rattern einer Musikmaschine, deren Schattenbild auf die Wand projiziert wird. Der melodische Part ist dabei den eindringenden Umwelt-Geräuschen zugedacht.
Hanna Styrie

Warnung an die Menschenkinder

Kölnische Rundschau 5.7.2005         

In jeder Hnsicht "Göttliche Gesänge" zum Auftakt des Romanischen Sommers
"Göttliche Gesänge" sind das Leitmotiv des diesjährigen Sommers, der am Sonntagabend in der Basilika St. Maria im Kapitol eröffnet wurde. Einen starken Eindruck hinterließen dabei Roland Wilson und die von ihm geleiteten Ensembles "Musica fiata" und "La Capella Ducale", die mit Dietrich Buxtehudes 1680 entstandenem Oratorium "Wacht! Euch zum Streit - Das jüngste Gericht" eine musikalische Rarität erster Güte im Programm hatten. Eigens für die Aufführung beim Romanischen Sommer ist das Werk neu editiert worden; auch die unvollständig erhaltenen Instrumentalstimmen wurden rekonstruiert - ein lohnendes Unterfangen, denn Buxtehudes dreiteiliges Oratorium fesselt mit opernhaften Arien, spannungsgeladenen Chören und einer dramatischen Kraft, die der Oper nur wenig nachsteht.

Im ersten Teil wetteifern Geiz, Leichtfertigkeit und Hoffart darin, die Seelen der Menschen zu verderben und Streit zu säen. "Die göttliche Stimme" gebietet ihnen Einhalt in ihrem schändlichen Tun. Wilson und seine Sänger und Instrumentalisten zogen die Zuhörer unmittelbar in den Bann des musikalischen Geschehens. Profunde Stilkenntnis paart sich bei den Ensembles mit souveränen gesangs- und spieltechnischen Leistungen.

Stephanie Petit-Laurent (Die gute Seele, Geiz) beeindruckte mit kraftvoller, koloraturhafter Sopranstimme; Monika Mauch (Die böse Seele, Hoffart) verfügt über stimmliches Volumens und zog durch ausgeprägte Gestaltungskraft die Aufmerksamkeit auf sich; Gela Birckenstaedt (Leichtfertigkeit) bestritt ihren Part mit angenehm leichter, rund geführter Stimmer. Glanz- und würdevoll Wolf Mathias Friedrich, der als "göttliche Stimme" seinen profunden Bass wirkungsvoll zum Klingen brachte. Die tadellose Artikulation und das Wissen um die barocke Gesangstechnik sind ein Qualitätsmerkmal der "Capella Ducale", die durchweg eine berückende Stimmschönheit an den Tag legte. Die Mitglieder der "Musica Fiata" musizierten unter Roland Wilsons versierter Leitung schlank, federnd und farbig und bewährten sich bei den kurzen Vorspielen ebenso wie bei der einfühlsamen Begleitung der Arien und Choräle. Hier waren ausgewiesene Spezialisten der Alten Musik am Werk, die auf ihren historischen Instrumenten erlesene Klangerlebnisse boten.

Im zweiten und dritten Teil stehen sich die beiden Soprane als gute und böse Seele gegenüber, der solistische Bass kontert mit Bibelzitaten, während in den Chorälen das Geschehen kommentiert wird. Viele eindrucksvolle Momente gab es auch hier: Wolf Mathias Friedrich stattet seinen Part mit der gebotenen Dramatik aus; Monika Mauch bot als betrunkener Zecher in der Arie Nr. 54 ein Kabinettstückchen sondergleichen und durchlitt höchst überzeugend die Qualen der Arie Nr. 69. "Menschenkinder, schnappet nach dem Schatten nicht", lautet die abschließende Warnung an die Zuhörer, deren rauschender Applaus sich in stehende Ovationen steigerte.
Hanna Styrie

Musik für eine Architektur

Süddeutsche Zeitung 12.7.2005          

Das Marathonkonzert beim Romanischen Sommer in Köln
Es gibt nicht viele Musikfestivals, die sich konsequent der Architektur anvertrauen, etwa der gestrengen Kathedralkunst der Romanik. Das "große, heilige Köln" (Heine) kann dazu großzügig einladen, denn die Stadt besitzt den Reichtum ihrer glänzend restaurierten romanischen Kirchen - zwölf an der Zahl, alle älter als der Dom. Seit zwanzig Jahren gehört der "Romanische Sommer" zu den Attraktionen der Kulturstadt denn diese "musikalische Wanderung durch die romanischen Kirchen Kölns" ist ein ganz besonderes Fest - mit Konzerten an fünf Tagen, einer Mischung von alter und neuer, weltlicher und sakraler Musik sowie dem finalen Marathon einer "Romanischen Nacht" in St. Maria im Kapitol, der größten der Kirchen.

Dorthin pflegte einst der Kölner Heinrich Böll seinen russischen Freund Lew Kopelew zu führen, den die "stumme Symphonie der romanischen Kirchen von Köln" beeindruckte. Böll begann seine Stadtrundgänge mit Freunden regelmäßig in St. Maria im Kapitol, dem über römischer Tempelanlage errichteten romanischen Bau aus dem 11. Jahrhundert, wo er ihnen vor Augen führte, "was das früher für ein herrliches, fünfschiffiges Gebilde war, zerstört, wieder aufgebaut". Böll war überzeugt davon, dass "die Stimmung" dieses Raumes im Grunde "nicht rekonstruierbar" sei.

Die musikalische "Stimmung" eines langen Konzertabends in der weiträumigen Kirche ist gesammelt und doch kommunikativ-heiter - wenn viele Menschen zu der populären Romanischen Nacht strömen, zu einer verästelten Abfolge musikalischer Aufführungen, als ließe sich der monumentalen Architektur etwas anheimelnd Gegenwärtiges ablauschen. Altjapanischer Tempelgesang, Chrysosthomos-Liturgie, die Kunst der Fuge, Streichquartette aus Russland, moderne Marimba- und Orgelmusik an einem Abend - das weckt die Neugier von Kennern wie Liebhabern. Dreizehn grün, violett, gelb gewandete Sänger-Priester der buddhistischen Shingon-Schule schaffen den zeremoniellen Rahmen des Konzerts: Markerschütternde Fanfaren ihrer Muschelhörner begleiten den Einzug ins Kirchenschiff, kraftvolle Gebete und Anrufungen erinnern an europäische Gregorianik, unterscheiden sich von ihr durch reibungsvolle Mikrotonalität.

Solchermaßen "gereinigt", wird das Hörbewusstsein schockiert durch eine denkbar klangsinnliche, schier ekstatische Vergegenwärtigung von Bachs "Kunst der Fuge" durch das Ensemble Harmonie Universelle. Fünf Musiker um den Geiger Florian Deuter, Streichquartett plus Cembalo, gewinnen aus Bachs gelehrtem Kompendium der Fugenkunst ein Maximum an modern phrasierter Flexibilität, agogischer, klanglicher Freiheit in virtuosem Spiel, ohne die Musik an Effekte zu verraten. Im Kontrast dazu die Gesänge des Kammerchors "Rossika" der St. Petersburger Philharmonie unter Valentina Kopylova, mit Rachmaninows Liturgie des St. Chrysostomos, profunden Weisen einer emotional und im Klang gesteigerten Orthodoxie.

Von Rachmaninow, dem nach wie vor unterschätzten Musiker, hin zu den in Tragik verschatteten Klangräumen von Schostakowitschs achtem Streichquartett ist es ein weiter Weg. Und noch weiter verfolgten ihn die vier hochbegabten jungen Russinnen des Twins-Quartetts, die unter anderem beim Berg-Quartett in die Lehre gegangen und in Köln ansässig sind, als sie daraufhin das in Pianissimo-Regionen verdichtete zweite Streichquartett von Sofia Gubaidulina an der Grenze des Hörbaren spielten und die ausladenden Klangflächen von Gija Kantchelis Quartett "Night Prayers" in aller Farbigkeit bewältigten. Nicht die einzige Moderne beim Romanischen Sommer: wie schon öfters hatten "BrückenMusik"-Installationen im hermetischen Bauch, in den Raumtiefen der Deutzer Brücke mitgespielt.
Wolfgang Schreiber

Heilige Worte und Satyrspiel

Kölner Stadtanzeiger 11.7.2005          

Die Romanische Nacht versprach und bescherte Köln "Göttliche Gesänge"
Weltoffen, aber ohne modische Lockmittel präsentierte sich dieses Musikfest.
Kommerzielle Veranstalter dürften das riskante Konzept der "Romanischen Nacht" - einer Kölner Tradition seit 1988 - nur belächeln. Auf harten Kirchenbänken sollen ein- bis zweitausend Zuhörer ein prallvolles Sechs-Stunden-Programm höchsten Anspruchs verfolgen: "Kunst der Fuge", Novitäten und Altehrwürdiges, vermeintlich Unvereinbares wie Improvisationen des Jazzers Rupert Stamm neben strengen Liturgien aus Russland, Japan und rheinischen Frauenklöstern des Mittelalters. Doch in der Kölner Basilika Sankt Maria im Kapitol glückt das Wunder.

Das Motto "Göttliche Gesänge" war offen auch für Instrumentalmusik wie Bachs Fugen, die das Streicher-Cembalo-Ensemble Harmonie Universelle ansprechend artikulierte. Mit Orgelmusik von Tournemire schlug Christoph Kuhlmann einen Bogen zur Gregorianik. Und das Moskauer Twins-Quartett zeigte bei seinem fulminanten Kölner Debüt, wie verschieden Schostakowitsch, Gubaidulina und Kantcheli für Streichquartett komponieren. Erstaunlich, dass man diese heikle Gattung in dem weiten Kirchenraum, überhaupt verfolgen konnte, herrscht dort doch während jener Nacht viel Kommen und Gehen.

Nach wie vor verzichten die Veranstalter Renate Liesmann-Baum, Stadt Köln und WDR auf modische "Cross-over"-Lockmittel. Vielmehr engagierten sie Experten, die Musik rein in ihrer Stilistik und Würde vorstellten. Neben erstklassigen Interpreten, von denen diesmal etliche aus Köln selbst kamen, verzauberte der romanische Raum - Pater Friedhelm Mennekes sprach von einem Resonanzraum für Kunst und religiöse Erfahrungen. Der St. Petersburger Kammerchor Rossika, der japanische Priesterchor Kashoken und die Frauenschola von Ars Choralis Coeln trugen liturgische Gesänge bei. In der Kapitolskirche traf die Musik der auswärtigen Gäste, die schon an den Tagen zuvor auftraten, nun auf Gregorianik. Da konnte man wahrnehmen, wie ehrfürchtig und konzentriert die Musik einer jeder der drei Religionen ihre je eigenen heiligen Worte einfasst.

Der Romanische Sommer hat, wie alle zwei Jahre, sechs Tage gedauert und vor allem Kölns romanische Kirchen bespielt. Dort waren auch Uraufführungen zu erleben. So schrieb Sabine E. Panzer aus Berlin für die Kunststation St. Peter "Assente III - San Pietro di Colonia". Diese pointilistische Komposition, für die sich David Smeyers' Hochschulensemble für Neue Musik einsetzte, blieb aber mysteriös.

Als Kontrastprogramm hatte der WDR ein amüsantes Freiluftspektakel geplant und eine halbszenische barocke Prunkoper angekündigt: "Wie die Signore Scarlatti, Cesti und Cavalli die Göttliche Komödie in Versailles aufführten". Sie entpuppte sich als Pasticcio aus Barockmusik von Dieter Schönbach. Da buhlten Lully und die Italiener um die Gunst des Sonnenkönigs. Leider drohte Regen und Helmuth Froschauer musste mit seinem famosen Ensemble aus Solisten, WDR-Chor und Rundfunkorchester in den rappelvollen Sendesaal umziehen. Dort wurde es eng für die Pantomimen auf ihren Papprössern, und das klangmächtige, vom Barock denkbar weit entfernte Orchester spielte wie für halb taube Rösser. Schade, dass Petrus das Satyrspiel nicht im Freien zuließ. Es wäre dem weltoffenen Romanischen Sommer ein pfiffiges Intermezzo gewesen. Marianne Kierspel

Göttliche Gesänge

Kölnische Rundschau 11.7.2005          

Stimmungsvoller Konzertmarathon: "Romanische Nacht" in St. Maria im Kapitol
Als das Muschelhorn dreimal ertönte und der Priesterchor Kashoken die liturgischen Gesänge des japanischen Shingon-Buddhismus anstimmte, breitete sich andächtige Ruhe in St. Maria im Kapitol aus. Kölns imposanteste romanische Kirche war wieder Schauplatz der "Romanischen Nacht", eines vielstündigen musikalischen Staffellaufs, in dem sich exotische und vertraute Klänge, vokale und instrumentale Musik abwechseln. Hunderte von Konzertbesuchern drängten sich lange vor Beginn durch den schmalen Kreuzgang. Da erwiesen sich die Mönchsweisen mit ihrer meditativen Stimmung als dramaturgisch geschickter Auftakt. "Göttliche Gesänge", so das diesjährige Motto des "Romanischen Sommers" dominierten das Finale des Musikfests und überstrahlten auch Johann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge", die in der Interpretation des Ensembles Harmonie Universelle etwas blutarm daherkam.

Das um ein Cembalo erweiterte Streichquartett, das auf historischen Instrumenten musiziert, bot das Lehrwerk der kontrapunktischen Komposition in einer flexiblen Quartett-Besetzung. Florian Deuter und seine Mitspieler vermittelten überzeugend und klangschön die Komplexität dieses Fugen-Wunderwerks. Dennoch hätte man sich stellenweise eine pointiertere Akzentuierung und eine noch lebendigere Artikulation gewünscht. Da hielt es längst nicht alle Besucher auf den Plätzen, und das bei der "Romanischen Nacht" übliche Wandern durch den mächtigen Kirchenraum begann unerwartet früh.

Der Kammerchor Rossika der St. Petersburger Philharmonie bescherte mit Sergej Rachmaninows "Liturgie des Johannes Chrysostomos op. 31" dann ein seltenes Klangerlebnis. Die Sänger, die über prachtvolle Stimmen von schier unglaublicher Klarheit und Reinheit verfügen, versetzten so manche Zuhörer in pure Entrückung, aus der sie erst die Andacht von Pater Friedhelm Mennekes wieder erweckte. Derweil hatte sich auch der Kreuzgang gefüllt, wo man im Kerzenschein bei Kölsch und heißen Würstchen pausieren konnte. Emsige Besucher zog es freilich schnell zurück in die Kirche. Hier brillierte das fabelhafte Twins-Quartett mit Streichquartetten von Dimitri Schostakowitsch, Sofia Gubaidulina und Gija Kantcheli, umstrahlt von orangerotem, glühenden Licht, das der Basilika einen magischen Zauber verlieh. Musikalische Leidenschaft und Intensität paart sich im Spiel der jungen Russinnen mit beeindruckender Technik.

Nachtschwärmer kamen zu später Stunde noch in den Genuss einer Uraufführung. "Passion und Emotion" lotet Rupert Stamm in der Raumklangkomposition "Xylon" für vier Marimbaphone und Flügelhorn aus; Organist Christoph Kuhlmann war schließlich musikalischer Wegbereiter für das nächtliche Zusammentreffen des Priesterchors Kashoken und des von Maria Jonas geleiteten Ensembles Ars Choralis Coeln, das Gesänge aus rheinischen Frauenklöstern darbot.
Hanna Styrie