Seit vielen Jahren wandern Musikfreunde immer wieder zur Sommerszeit durch Köln, um ein Musikfest in den wunderbar restaurierten romanischen Kirchen der Stadt zu erleben. Die Faszination der Räume und auch die besondere Lage im städtebaulichen Ensemble von Köln prägen das Programm des ROMANISCHEN SOMMERs, das sich bewusst außerhalb des üblichen Konzertbetriebs definiert. Das Aufbrechen traditioneller Zuhöreranordnungen und Wahrnehmungsweisen ist ebenso Markenzeichen wie das Anliegen, sehr verschiedenartige Programmteile in einen klingenden Zusammenhang zu bringen - ohne einem billigen "crossover" zu erliegen. Das geistliche Werk im weitesten Sinn bleibt eigentlicher und zugleich offener Bezug.
Anlässlich des diesjährigen Weltjugendtages in Köln zeigt das Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud die Ausstellung "Ansichten Christi". Hochkarätige Hauptwerke der europäischen Kunstgeschichte aus bedeutenden Sammlungen in aller Welt bieten faszinierende Einblicke in die Geschichte der Christusdarstellung von der Antike bis zur Gegenwart. Ergänzend zeigt das Rautenstrauch-Joest-Museum in der Ausstellung "Buddhisten - Jainas - Hindus" die Gottesbilder dieser drei Religionen. So eröffnet sich die Möglichkeit des spannenden Vergleichs verschiedener Kulturen. Der Romanische Sommer nimmt Bezug auf die Ausstellung. Unter dem Motto "Göttliche Gesänge" finden vom 3. bis 8. Juli über 20 Veranstaltungen internationaler Künstler und Ensembles statt, die mit den Ausstellungsthemen inhaltlich korrespondieren.
Zum festlichen Auftakt wird eine Wiederentdeckung des deutschen Barockmeisters Dietrich Buxtehude: "Das Jüngste Gericht", ein abendfüllendes Oratorium, zu erleben sein, das Roland Wilson für sein Ensemble Musica Fiata Köln und die Sänger der Capella Ducale neu bearbeitet. Die Aufführung - der historischen Aufführungspraxis verpflichtet - nimmt Bezug auf die besonderen räumlichen Gegebenheiten der romanischen Basilika St. Maria im Kapitol.
In dieser größten der romanischen Kirchen Kölns beginnt das Festival, und hier schließt es auch wie in jedem Jahr mit der opulenten Romanischen Nacht. In dem mehr als sechsstündigen musikalischen "Marathon" werden alle inhaltlichen Aspekte des Musikfestes in einem dramaturgisch sorgfältig geplanten Ablauf gebündelt: liturgische Gesänge des japanischen Shingon-Buddhismus als zeitliche Klammer - zum Schluss der Nacht im Dialog mit Gesängen aus europäischen Frauenklöstern; im Zentrum erklingt ein wichtiges Werk aus der geistlichen Musiktradition Russlands: Rachmaninows "Liturgie des St. Chrysostomos", umrahmt von instrumentalen Gesängen: Bachs Alterswerk "Die Kunst der Fuge" in einer kammermusikalischen Interpretation und Werke für Streichquartett von Dimitri Schostakowitsch, Sofia Gubaidulina und Gija Kantscheli; zu später Stunde Marimbaphonklänge aus der Welt der improvisierten Musik und Orgelkompositionen des César Franck-Schülers Charles Tournemire.
Geistliche Musik aus unterschiedlichen Traditionen und Kulturen war immer eine der Leitlinien des Romanischen Sommers. Inhaltlich dem Ausstellungsthema "Ansichten Christi" am nächsten ist der Abend in St. Cäcilien / Museum Schnütgen, wo - im Anblick entsprechender Exponate romanischer Kunst - eine Aufführung der Klaviergesänge "Vingt Regards sur l'Enfant-Jésus" von Olivier Messiaen zu erleben ist.
Bei "Göttlichen Gesängen" denkt jeder zuerst an die menschliche Stimme. Und natürlich steht diese immer wieder im Zentrum der vielfältigen Programme - so auch in dem umfangreichen Konzert "Der Turm zu Babel - Gesänge der Welt", einer weiteren, "kleinen" Romanischen Nacht im Dekagon von St. Gereon, einem architektonisch einmaligen Ort. Hier finden sich hervorragende Ensembles zu einer Nacht der Gesänge zusammen, mit Kompositionen von früher geistlicher Musik der Renaissance bis hin zu Gesängen der Gegenwart von Komponisten aus aller Welt. "Der Turm zu Babel", eine jüngere Komposition des prominenten in Köln lebenden Komponisten Mauricio Kagel ist das zentrale Werk.
Fenster in die Gesangskulturen anderer Länder bieten vor allem die Konzerte mit dem Chor Rossika aus St. Petersburg, der authentisch geistliche Gesänge aus russischen Klöstern vermittelt, oder mit dem Priesterchor Kashôken aus Japan, der liturgische Gesänge des Shingon-Buddhismus präsentiert.
Aber auch instrumentale Gesänge können "göttlich" klingen. Hierzu gehört vor allem die einstündige Raumkomposition "Assente III - San Pietro di Colonia", die - wie schon der Titel sagt - von der in Berlin lebenden Komponistin Sabine E. Panzer für den neu gestalteten Innenraum von St. Peter entworfen wurde.
Eine Instrument, welches - neben der menschlichen Stimme - zur ureigensten musikalischen Ausstattung der christlichen Kirche gehört, darf in diesem Ensemble von Gesängen natürlich nicht fehlen: die Orgel. Glücklicherweise sind viele der romanischen Kirchen Kölns in den letzten Jahren mit hervorragenden neuen Orgeln ausgestattet worden - man möge sich davon überzeugen. Ein besonderer Orgel-Akzent wird mit einer Klanginstallation des renommierten österreichischen Organisten und Komponisten Wolfgang Mitterer in St. Aposteln gesetzt, die täglich über viele Stunden zum Zuhören einlädt.
Neben den romanischen Kirchen als den zentralen Orten für die Aufführungen geistlicher Musik gab es immer auch andere interessante Aufführungsorte, die in unser Angebot der alternativen Orte passen. In diesem Jahr ist es wieder der Hohlraum der Deutzer Brücke, der mit Klanginstallationen von u. a. Relly Tarlo und Pierre Bastien an eine "weltliche Kathedrale" erinnern mag und dazu der Innenhof des Museums für Angewandte Kunst, dessen An-Lehnung an die Minoritenkirche ein kostbares Ambiente für die "Göttliche Komödie" ist - so wie Lully / Schönbach sich vorstellten, dass Scarlatti, Cesti und Cavalli diese in Versailles aufführten.
Ein vielfältiges Programm - Wandern durch architektonische Schmuckstücke romanischer Baukunst, gefüllt mit musikalischem Leben aus aller Welt. Der größte Teil der gebotenen Musik findet seinen Niederschlag im Program von WDR 3, wobei die Romanische Nacht - stets glanzvoller Abschluß des Musikfestes - in voller Länge live übertragen wird.
