Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 4.7.2004
FREITAG ABEND. Von den zwölf romanischen Kirchen der alten Colonia ist St. Maria im Kapitol die musikalischste. Das hat mit ihrer Basilika, einer kleeblattförmigen Konchenanlage, und deren wunderbarer Akustik zu tun, und so findet der "Romanische Sommer", der seit 1988 die Stadt besonnt, hier seinen krönenden Ausklang. Inzwischen, da die "musikalische Wanderung" als Biennale unternommen wird, bleibt für das Jahr dazwischen "nur" das Ziel übrig: die "Romanische Nacht".
Die dämmert hier anders herauf. Den Hauptaltar vor der Vierung hat sie längst erreicht, als dahinter im Chor noch immer der Tag harrt. So hell dringt das Licht durch die Fenster der Apsis, bis es gebrochen und gedämpft wird: Eine mystisch diffuse Stimmung belegt dann das Langhaus, während Johann Sebastian Bachs "Missa in A-Dur", interpretiert vom Taverner Consort und dem Neuen Orchester, erklingt. Die untergehende Sonne macht, wie sie die Architektur ins Werk setzt, das Konzert zum Gesamtkunstwerk. "Gloria in excelsis Deo."
Die Faszination der "Romanischen Nacht" gründet in diesem Ort. "Auf einer kleinen Anhöhe, von grünen Bäumen umgeben, steht die schöne, im edelsten Styl des siebenten Jahrhunderts erbaute Kirche auf dem nämlichen Platz, wo zu Zeiten der Römer das Kapitol über dem ihnen unterworfenen Rheinstrom thronte", notiert Johanna Schopenhauer in ihrem "Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828" über "Sancta Maria in Capitolio". Eine Insel im Fluß. Nur wenige Schritte sind es von der Straße, nebenan lärmt die Ost-West-Achse, und die Hektik der Großstadt ist gebannt. Die Musik setzt einen anderen Rhythmus, für Bachs "lutherische" Messen kommt Andrew Parrot, der Verfechter der Minimalbesetzungsthese, ohne Chor aus: Vier Vokalkonzertisten werden - für jede Stimme einer - an bestimmten Stellen durch vier "Ripienisten" verstärkt. So verschlankt, erobert sich die Musik den Raum in einer schier schwerelosen Führung von heller, strahlender Transparenz. Das Gotteshaus wird Konzerthaus - aber nicht ganz. Prälat Johannes Westhoff hält eine Andacht. Die konventionelle Sitzordnung ist aufgelockert, das Publikum kann sich, rücksichtsvoll gegenüber dem inneren Kreis der Zuhörer, die Kirchen- und Klangräume erwandern. die Türen und Treppen zum Kreuzgang des ehemaligen Klosters, wo Tische und Bänke stehen, bleiben durchlässig. Bach und Baukunst werden wechselseitig neuen Wahrnehmungen zugänglich, und so macht eine "Romanische Nacht", auch wenn Petrus sich etwas ziert, fast schon einen "Romanischen Sommer".
Andreas Rossmann
Kölner Stadtanzeiger 5.7.2004
"Romanische Nächte sind lang, fangen allerdings gar nicht langsam an. In der Kölner Romanischen Nacht in Sankt Maria im Kapitol jedenfalls gelang der Frauenschola Ars Choralis Coeln unter Maria Jonas bei ihrem Debüt mit kirchlichen Antiphonen und Sequenzen der Hildegard von Bingen ein fesselnder Einstieg in die weitläufige Programmfolge. Die deutsche Mystikerin des 12. Jahrhunderts durchbricht, die verschiedenen Stilelemente durchmischend, produktiv den überlieferten choralen Formenkanon - ganz abgesehen einmal von den Ansätzen zu früher Mehrstimmigkeit. Und wenn sich die vibratoarmen Stimmen jubelnd zur Decke des Kirchenschiffs erheben, dann entsteht für wahr eine berückende Raum-Klang-Wirkung. Das Veranstalterkonzept dieses alljährlichen musikalischen Großereignisses ist auch heuer aufgegangen: Altes und Neues, Nahes und Fernes, Vokales und Instrumentales in einer ausgefeilten Dramaturgie gegenüberzustellen und es zugleich einzubinden in die Wirkung dieser großartigen Kirche. [...]"
Markus Schwering
Kölnische Rundschau 5.7.2004
"Mehr als tausend Zuhörer bei der Romanischen Nacht in der Kölner Basilika St. Maria im Kapitol Kurz vor Mitternacht jubiliert das Taverner Consort "Sanctus", während einige Bach-Fans schon auf Iso-Matten schlummern: umfangen vom rosigen Scheinwerfer-Licht, das die Basilika Sankt Maria im Kapitol in einen mystisch glühenden Raum verwandelt. Von einem "einzigartigen bergenden und beglückenden Miteinander" hatte denn auch Prälat Johannes Westhoff zuvor gesprochen. Und so empfanden es wohl auch die weit über tausend Zuhörer der Romanischen Nacht.
Der mehr als sechsstündige Marathon genießt längst Kult-Status unter Musikfreunden, denn sie werden nicht in eine konventionelle Sitzordnung gezwängt, sondern können durch die Klangräume flanieren: von der Ostkonche bis zum Chorraum, in dem sich die expressive, melodisch betonte Kammermusik des Kölners Georg Kröll entfaltete. Und bei Kerzenschein und Kölsch im Kreuzgang ließ sich entspannt diskutieren über die sängerische Minimalbesetzung, die der Brite Andrew Parrott Bach zumutete. Ob man das mit dem Neuen Orchester musizierende Sängerquartett - in den Schluss-Sätzen verstärkt durch vier "Ripienisten" - als aufregend schlank oder anämisch dünn empfand, war auch eine Frage des Standpunkts im Raum. Den Wechsel zwischen Solopartie und Chor bewältigte nicht jeder so flüssig wie Bariton Christian Hilz, der sich vor Emily Van Evera, Caroline Trevor und Charles Daniels die Tiefen der Basilika eroberte.
Die vier lutherischen Messen Bachs bildeten die Eckpfeiler eines Programms, das Festivalleiterin Renate Liesmann-Baum unter dem Motto "Gloria in excelsis Deo" angelegt hatte - als Zeitreise, doch ohne jedes Zugeständnis an Crossover-Moden. Wahl-Verwandtschaften bildeten sich in dieser Nacht ohnehin ganz ungezwungen: So zog sich ein roter Faden vom indischen Raga, den Sarangi-Spieler Dhruba Ghosh in meditativer Ruhe vor dem Lettner zelebrierte, zu den Tonskalen der Hymnen Hildegard von Bingens. Als glamoröse Sendbotinnen der Äbtissin präsentierten sich die Vokalistinnen von Ars Choralis Coeln bei ihrem Debüt unter Maria Jonas. Und sie zogen in den Bann eines liturgischen Rituals, das sinnlich begreifbar wurde. Impulse, die Claudio Puntin (Klarinette) und Markus Stockhausen (Trompete) aufgriffen und improvisierend in ihren markanten "Romanischen Metamorphosen" verwandelten." Annette Schroeder
