Pressestimmen zum Romanischen Sommer 2003

Lichtspiel

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 29.6.2003
        
"... Die leichte Verspätung gleicht das Autoradio aus. WDR 3 überträgt die "Romanische Nacht", in der der "Romanische Sommer" in Köln kulmuliert. Doch den wahren Hauptdarsteller kann man nicht hören: Es ist das Licht, das durch die Fenster der Kirche St. Maria im Kapitol dringt. Vielfach gebrochen und gefiltert, changiert und schattiert, ergibt das eine grandiose Inszenierung, die die romanische Architektur ins Werk setzt. Die Musik läßt sich davon aber nicht einschüchtern, im Gegenteil. [...] Die "Romanische Nacht" ist eine Form der Einkehr, die zwischen Kreuzgang, Klappstuhl und Cafeteria viele Möglichkeiten läßt. Der Hauptdarsteller hat sich längst verabschiedet, als er noch einmal staunen läßt: Auch seine Abwesenheit vermag den Eindruck zu vermitteln, St. Maria im Kapitol nie so gesehen zu haben."
Andreas Rossmann

Alles irdische Treiben ist vergänglich

Süddeutsche Zeitung 3.7.2003          

"Das "große heilige Köln", vom Düsseldorfer Nachbarn Heinrich Heine in Bewunderung verspottet, sitzt düster im gotischen Domgebirge, schwebt aber auch in den Räumen kostbarer romanischer Kirchen - zwölf an der Zahl über die Stadt verstreut. Als sie Mitte der Achtziger endlich die Kriegsschäden überwanden, in Glanz neu zu erstrahlen begannen, sollte auch Musik dort einziehen. Ein Festival besonderer Art wollte es sein - nicht mit Kirchenmusik bestückt, sondern mit Weltmusik in der Weite von Kirchenräumen, genannt "Romanischer Sommer". Alle zwei Jahre hat es funktioniert: alte und neue Tonkünste zusammengespannt, Mittelalter, Renaisance, Moderne eingebettet in den Kranz monumentaler Sakralarchitektur. Nicht nur die Kölner haben das von Anfang an gemocht. Jetzt, beim fünfzehnten Mal, ist das Festival bei seinem authentischen Thema angekommen, einem religiös-karnevalistisch-kölschen Gesamtmotto: Alles irdische Treiben ist vergänglich [..] Die Räume transportieren nicht nur Klang, sie tragen auch die Stille weiter. Klingen und Schweigen bedingen sich, gehen auseinander hervor, ineinander über, schaffen ein Starkstromnetz. Solcherlei Spannungen und damit verbunden: Überraschungen absoluter Ruhe, Glücksgefühle rauschhaften Jubels, sie scheinen jedenfalls in Sakralräumen stärker zu sein als in normalen Konzertsälen. [...] Die lange "Romanische Nacht" ist ein absoluter Publikumsmagnet."
Wolfgang Schreiber

Von Schönheit und Vergänglichkeit

Kölnische Rundschau 30.6.2003          

"Erfahrene Konzertbesucher sind auf den ersten Blick überführt: Wer mit Kissen, Rucksack und Klapphocker ausgerüstet ist, kann nur zur "Romanischen Nacht" wollen, die den "Romanischen Sommer" traditionell mit einem gloriosen musikalischen Marathon beendet. Die Basilika St. Maria im Kapitol bietet dem Finale des Musikfests den prachtvollen Rahmen. [...] Der allegorische Widerstreit über die Schönheit und ihre Vergänglichkeit hielt zahlreiche Besucher bis zum umjubelten Ende auf den Plätzen. Erst zu vorgerückter Stunde setzte das übliche Kommen und Gehen ein, dann erst füllte sich auch der Kreuzgang, wo man bei Bier und Brezeln pausierte."
Hanna Styrie

Magische Stimmungen|Das Barock und Karlheinz Stockhausen

Kölnische Rundschau 26.6.2003          

"Ein Treffen zweier Welten schuf in St. Severin und St. Georg spannende Verläufe und Erlebnisse. [...] Das Ensemble Cantus Cölln, weltberühmt und viel gefeiert, bot unter Konrad Junghänel dem Todesgedanken gewidmete geistliche Konzerte und Kantaten. [...] Einen Sprung um zweieinhalb Jahrhunderte machte man nur wenige Schritte weiter mit dem exzellenten Vokalensemble Belcanto in St. Georg. Dort gab es Karlheinz Stockhausens "Stimmung", ein meditatives Werk, das auf den Obertönen eines Grundtons aufgebaut ist, verlangt höchste Konzentration und Simmkontrolle, denn auch die kleinste Abweichung würde die Stimmung verderben. Magisch und durchdringend erklang die menschliche Stimme in ihrer reinsten Form, und die einzelnen Mitglieder des Ensembles ließen zusammen in der kleinen Kirche einen einzigen Ton zu einer organischen, facettenreichen Musik anwachsen. Das tiefe b wird sich spätestens jetzt für immer in die Erinnerung eingegraben haben."
Carolin Pirich

Lauter Schwanengesänge|Fünf Stunden mit Chören aus Köln und aus Dresden

Kölnischer Stadtanzeiger 24.6.2003         

"Große Spätwerke und neue Chormusik eröffneten den Romanischen Sommer in den Kirchen von Köln [..] Das Thema Vergänglichkeit beleuchteten in St. Kunibert letzte Werke, "Schwanengesänge", Vermächtnisse. Doh kam auch vitale neue Musik zum Zuge, dank Volker Hempfling und seiner fabelhaften Kölner Kantorei. Da belegten A-cappella-Sätze von John Taverner, Wolfram Buchenberg und Eric Whitacre, wie viel Neues für Stimmen den Komponisten immer noch einfällt. Der Ire Colin Mawby bekam für seine uraufgeführten "Six Motets in Praise of the Trinity" viel Beifall. Die exquisite Mischung, auch ein strahlender Mendelsohn war dabei, lud ein, über geistliche Musik im Lauf der Jahrhunderte nachzudenken."
Marianne Kierspel

Hubschrauber unter der Kuppel|Fünfter Abend des Romanischen Sommers brachte Kontraste

Kölnische Rundschau 28.6.2003          

"Natur und Kultur verschmolzen auch am fünften Abend des Romanischen Sommers wieder auf nicht alltägliche Weise, diesmal in St. Gereon: Man sah im Kirchenschiff langsam die Sonne untergehen. Vor diesem stimmungsvollen Hintergrund schien sich das diesjährige Motto ("Vergänglichkeit ...") auch musikalisch quasi wie von selbst zu entfalten, wäre da nicht in einer seitlichen Nische das Mischpult (samt Monitor) des Komponisten Jay Schwartz gewesen, der in regelmäßigen Abständen elektronische Rückkopplungen in die Runde sandte [...] Da zerflossen musikalische Zeitmaßstäbe, Klangüberlagerungen ließen quasi aus dem Nichts heraus das edle Gemäuer mitunter beträchtlich erzittern [...] Zu später Stunde führten in St. Panthaleon schwarz gewandete Frauengestalten mit Engelszungen noch tiefer in ein wahrlich dunkles Labyrinth des Todes. Die mittelalterliche "Vision des Tondal", eines Ritters, hat Danda Herzic nach glagolitischen und lateinischen Vorlagen meisterhaft für sechs Gesangsstimmen rekonstruiert [...] Für die zahlreichen auf Hartholz Lauschenden vielleicht ein kleiner Vorgeschmack des Fegefeuers ..."
Volker Fries

Die Musik rollender Straßenbahnen

Kölnische Rundschau 26.6.2003         

"Nicht alle Wege des Romanischen Sommers enden in Kirchen: einer führt unter die Deutzer Brücke. Im gigantischen, vierhundert Meter langen und zehn Meter breiten Hohlkörper haben sich drei Installationen eingenistet, die sich mit den vergleichslosen Dimensionen dieses Un-Orts, auch seinen akustischen, auseinander setzen. Mit acht Hör-Pritschen möbiliert Alvin Curran den hintersten Brückenabschnitt, lässt darunter eigene Klangschnipsel in Konkurrenz treten zum unheimlichen Dröhnen der über die Köpfe hinwegrollenden Autos und Straßenbahnen. Harald Münz bietet im ersten Teil einer aussterbenden europäischen Sprache vorläufiges Asyl - in seiner Lautsprecherinstallation "fugaCittà" erfährt der Besucher das bedrohte Idiom schon als ein Stück Vergangenheit. In der Mitte der Brücke eine stille Arbeit der bildenden Künstlerin Barbara Hindahl: mit einer illusionistischen Raumzeichnung stellt sie sich am direktesten den lokalen Gegebenheiten."
Raoul Mörchen